Der deutsche Gruß

Der Unterricht ging in den ersten Monaten so weiter wie bisher, es gab kaum Veränderungen. Was machte es, wenn Lehrer Runzheimer in seiner SA-Uniform und mit den eisenbeschlagenen Stiefeln durch die Gänge marschierte, als sei er auf dem Weg zur Feldherrnhalle. Was machte es, wenn er jeden mit »Heil Hitler« begrüßte - noch grüßten die meisten freundlich zurück: »Guten Morgen, Herr Kollege.«

Auch uns Schüler zwang er, ihn mit »Heil Hitler« zu begrüßen, schon bevor der Hitlergruß in den Schulen obligatorisch wurde. Er stellte sich akkurat vor die mittlere Bankreihe und »machte Männchen«. So bezeichneten wir damals noch geringschätzig seine manierierte Pose beim Hitlergruß. Runzheimer war sehr klein. Vielleicht war darum sein Hitlergruß besonders zackig. Er legte die linke Hand flach auf das Koppelschloß am Bauch und stach gleichzeitig die rechte in einem Winkel von sechzig Grad in die Luft. Dabei war die Hand anfangs noch geschlossen. Erst in letzter Sekunde, wenn man schon glaubte, jetzt müsse es im Ellenbogengelenk krachen, denn der angewinkelte Arm schnellte mit einem Ruck nach vorn zu einer Geraden, ging die Hand auf und die Finger reckten sich noch ein wenig mehr nach oben. Und während er über unsere Köpfe hinweg »Heil Hitler« schmetterte, wippte er leicht auf den Fußspitzen.

Aus der Art des Grüßens war deutlich zu erkennen, in welchem Maße und wie schnell der Nazibazillus den Lehrkörper infizierte. Man kann sagen, dieser Körper war von Anfang an weder resistent gegen den Bazillus, noch entwickelte er Abwehrstoffe. Ganz im Gegenteil: ich habe keinen Lehrer in Erinnerung, der den Faschisten ernsthaft Widerstand entgegengesetzt hätte. Gewiß, Braunhemd und Reitstiefel waren bei den meisten Mittelschullehrern anfangs noch unbeliebt, man schämte sich, mit Runzheimer auf eine Stufe gestellt zu werden, aber die Veränderung, die sich im Lehrkörper vollzog, war nicht zu übersehen.

Unser Klassenlehrer Arz war Protestant, ging regelmäßig in die Kirche, gab manchmal stellvertretend Religionsunterricht und könnte nach meiner Einschätzung vor 1933 die Deutsche Volkspartei oder das Zentrum gewählt haben. Auch er grüßte in den ersten Monaten noch mit »Guten Tag«. Dann aber sah ich, wie er schon mal auf Runzheimers provokatives »Heil Hitler!« die rechte Hand, die er nur so weit öffnete, als wolle er eine Kugel stoßen, leicht über die Schulter hob und mit »Heil Hitler« antwortete - möglicherweise mit einem inneren Widerstand, aber er überwand ihn, ohne Schaden zu nehmen, und gewöhnte sich so allmählich an den deutschen Gruß. Er sagte ihn immer häufiger und schon nicht mehr nur, wenn Runzheimer vorbeiging, und dann auch vor der Klasse, denn etwa ab Mai lag eine Anordnung vor, daß in den Schulen nur noch mit »Heil Hitler!« zu grüßen sei. Bei dieser etwas lässigen Grußform ist es dann auch die ganze Zeit geblieben. Lehrer Arz hat es nie bis zum ausgestreckten Arm gebracht. Er paßte sich eben an, wie er das immer getan hatte, ob er etwas als unrecht empfand oder nicht. Beispielsweise hat er nie die Maßnahmen gegen die Juden im Unterricht gutgeheißen - aber er fand auch nicht ein einziges Mal ein kritisches Wort über die Verfolgung der Juden, und sei es noch so vorsichtig formuliert. Seinen halbherzigen Hitlergruß konnte man so deuten: Seht, wie ich mich von den Nationalsozialisten distanziere, und im Grunde habe ich auch nichts gegen die Juden - aber was soll ich tun?

 

Rektor Beyer, den wir »Vatermörder« nannten, grüßte da schon anders. Er hatte es im ersten Weltkrieg bis zum Hauptmann gebracht und trug Stahlhelm und Eisernes Kreuz in Miniaturausgabe auf dem Revers seines Jacketts. Vorne abgewinkelte Stehkragen, sogenannte »Vatermörder«, waren bei ihm obligatorisch. Er war immer in Eile, auf dem Weg in die Klasse, beim Unterricht, beim Bestrafen. Zeit nahm er sich nur, wenn er zu seinem Lieblingsthema kam, den Landsknechten. Er war ein Choleriker, und er duldete keinen Widerspruch. Wagte einer, seinen Vorstellungen von Disziplin und Gehorsam zuwiderzuhandeln, dann schrie er, daß sich seine Stimme überschlug, und drosch mit dem Stock oder mit bloßen Händen auf Freund und Feind, das heißt auf alle, die zufällig in seiner Reichweite waren.

Vatermörder grüßte immer laut und deutlich mit »Heil Hitler!« Nicht, weil er ein begeisterter Nationalsozialist, sondern weil es Vorschrift war. Vorschriften und Befehle waren für ihn, den deutschen Offizier, eben Vorschriften und Befehle. Aber er machte in der Handbewegung den deutschen Gruß so kurz und knapp, als wolle er eine Fliege am Ohr verscheuchen.

Aus dem ganzen Lehrerkollegium der Westend-Mittelschule war es nur Zeichenlehrer Schweighöfer, der sich von den Nazis distanzierte und das auch im Unterricht zu verstehen gab, wenngleich sehr vorsichtig. Ich registrierte, daß er als letzter den Nazigruß gebrauchte. Allerdings machte er es so komisch, daß sich einige Hitlerjungen aus meiner Klasse bei Rektor Beyer beschwerten, Schweighöfer verunglimpfe damit den Führer und den neuen deutschen Geist. Trotzdem grüßte er weiter so: er hob, selbst bei offiziellen Feiern, wenn alle ihn beobachten konnten, nur so die Hand an, wie man es üblicherweise tut bei der abwehrenden Redensart: »Nun mach's mal halblang«.

 

Im Turnunterricht war am stärksten spürbar, daß der Hitlergeist schon seinen Weg in die Westend-Mittelschule gefunden hatte. Unser Turnlehrer war Otto Röhre, genannt »Röhren-Otto«, und die Turnhalle war sein Kasernenhof. Die Springgrube verwandelte sich bei ihm in ein Schützenloch, Gymnastikkeulen in Handgranaten, und Barren wurden zu Sperrgürteln erklärt, die wir beim Sturm auf die feindlichen Gräben zu überwinden hatten. Er war nicht Mitglied der NSDAP, aber trotzdem ein Nazi. Seit Anfang 1933 trug er gut sichtbar im Knopfloch ein kleines silbernes Hakenkreuz.

Einen großen Teil jeder Turnstunde mußten wir in Dreierreihen in der Turnhalle herummarschieren und dabei aus vollem Halse singen. Röhren-Otto marschierte entweder links innen neben der ersten Reihe mit oder er stand in der Mitte und beobachtete uns. Und wehe, wenn einer den falschen Schritt hatte. Während wir singend weitermarschierten, mußte der Ertappte zehn oder zwanzigmal pumpen, das heißt, er mußte so oft Liegestütz machen. Bei jedem zweiten oder dritten Mal drückte ihn Röhren-Otto kräftig zu Boden. Seit dieser Zeit habe ich eine fast krankhafte Abneigung gegen den Viervierteltakt und gegen das Marschieren im Gleichschritt. Der Anblick einer Marschkolonne verursacht mir ein körperliches Unbehagen, nicht nur in Deutschland.

Bis zur Hitlerzeit war Röhren-Ottos Lieblingslied, auf das wir marschieren mußten, »Turner, auf zum Streite, tretet in die Bahn«. Das änderte sich. Neue Lieder entstanden, und bald sangen wir beim Marschieren das HJ-Lied »Auf hebt unsre Fahne in den frischen Morgenwind«.

 

Am meisten litt ich während des Unterrichts von »Pilo-Peter«. Das war der Spitzname unseres Gesangslehrers. Und genau so sah er aus: wie die damalige Werbefigur auf den Herdblank- und Schuhcremedosen, klein, dick, mit vorgewölbtem Bauch und viel zu kurzen Beinen.

Pilo-Peter sagte nicht einfach: das Weltjudentum ist unser Unglück, alle Juden sind Schacherjuden; er benutzte auch nur selten die »Stürmer«-Schlagworte von den stinkenden Juden und geilen Judenböcken. Pilo-Peter pflegte einen subtileren Antisemitismus. Er erzählte »Geschichten aus dem Leben«. Immer hatte er welche zur Hand, und stets waren sie selbst beobachtet, selbst erlebt. Mehrere handelten von Judenärzten, die sich an ihren Patientinnen vergingen; eine ganz delikate war darunter von einer Vergewaltigung in Narkose.

Die folgende Geschichte gehörte ebenfalls zu seinem Repertoire: Eine brave Kaufmannsfamilie, die natürlich in seiner Nachbarschaft wohnte, bewahrte durch eine selbstschuldnerische Bürgschaft einen Juden vor dem Bankrott. Aus Dankbarkeit, so schien es, kam der Jude häufiger in die Wohnung der Kaufmannsfamilie. In Wirklichkeit war es aber nicht Dankbarkeit, die ihn trieb, er war vielmehr scharf auf das unschuldige dreizehnjährige Töchterlein. Und prompt, als er es eines Tages allein in der Wohnung antraf, tat er ihm Gewalt an. Kommentar von Pilo-Peter: »Das also verstehen die Juden unter Dankbarkeit.«

Eine andere Geschichte: Ein Judenweib holte sich aus dem Waisenhaus Mädchen, um ihnen angeblich in häuslicher Atmosphäre Arbeit und Geborgenheit zu gewähren. In Wirklichkeit führte sie die armen Waisenmädchen ihrem Mann zu, der frühmorgens schon die bedauernswerten Christenmädchen - an ihrer eigenen Rasse vergriffen sich die Juden ja nicht - vernaschte wie andere ein weichgekochtes Frühstücksei. Und auch mittags und selbstverständlich auch abends. Pilo-Peters Kommentar: »Pfui Teufel! kann man da nur sagen.«

Und dann die Geschichte von dem Juden, der die Schlechtigkeiten seiner Rasse und seiner Religion nicht mehr mitmachen wollte, sich mit dem Verstand dagegen auflehnte und eines Tages zum Christentum konvertierte. Aber das Blut! Judentum ist ja keine Sache des Glaubens, des Verstehens oder des Gefühls. Die ganze Verderbtheit der jüdischen Rasse ist im Blut enthalten. Kein Jude kann ihr entfliehen. Und so ist klar, daß der zum Christentum Übergetretene kein besserer Mensch werden konnte. Denn da war das Blut. Er wurde rückfällig und trat dann auch folgerichtig wieder aus der christlichen Kirche aus. Kommentar von Pilo-Peter: »Jud bleibt Jud, da hilft kein Weihwasser und kein Kreuzeschlagen.«

Und ich saß stumm dabei, mußte mir die angeblichen Frevel meiner Leute anhören - und das alles in der salbungsvollen Stimme des Gesangslehrers. Mama hatte mir eingeschärft, nie vor andern an etwas Zweifel zu äußern, nie zu widersprechen, nie auffällig zu werden. Ich hielt mich strikt an ihre Anweisungen, hörte mir Pilo-Peters Haßtiraden gegen die Juden an, kaute an den Fingernägeln und an der Nagelhaut, daß mir ständig die Finger bluteten, und schwieg.

 

Wie ich dieses Schweigen, dieses Immer-nur-Dulden, dieses Nicht-Aufbegehren verfluche! Mein ganzes Leben war davon geprägt. Noch heute entschuldige ich mich zwanzigmal am Tag für alles und nichts. Wenn mir jemand die Tür vor der Nase zuschlägt, wenn mir wer auf die Füße tritt, wenn ich im Überschwang meiner Gefühle jemanden umarme und küsse, entschuldige ich mich dafür. All meine Verlegenheit, Unsicherheit, Unscheinbarkeit, die mir anerzogen wurden, damit die Familie überleben konnte, liegen in diesem Sich-Entschuldigen.

Selbst als mir der Lehrer Eisenhuth mit dem Spanischrohr eine klaffende Wunde am Kopf schlug, weil er meinen Rücken nicht traf, und kein Wort des Bedauerns fand, selbst da begehrte ich nicht auf, schwieg und duckte mich. Tagelang hatte ich Schmerzen und ein großes Pflaster auf der Stelle, wo der Stock wie ein Peitschenende entlanggestrichen war. Aber Mama tat so, als sei das gar nichts. Ich solle um Himmelswillen kein Aufhebens machen. Als Papa sagte: »Ganz schön, die Wunde. Sollte man nicht doch zum Rektor gehen?«, antwortete Mama ärgerlich: »Laß mich in Ruhe! Geh du doch, wenn du meinst.« Sie wußte ja, er konnte nicht, wegen seiner Aussprache und überhaupt. Und sie fuhr fort: »Von so etwas stirbt man nicht. Wir haben genug Zores. Was kommt schon dabei heraus, wenn ich mich beschwere?« Mama war aufgestanden, ging im Zimmer hin und her und gestikulierte mit den Händen, als wolle sie jeden Satz mit ihren zehn Fingern in die richtige Form kneten. »Soll er sehen, daß ihn niemand mehr mit dem Stock schlägt.« Sie blieb vor Papa stehen und beugte sich zu ihm: »Wenn Walja sich richtig benimmt, kriegt er auch keine Schlag!« Mama war sehr erregt, weil es wer gewagt hatte, ihr zu widersprechen, aber auch von der Vorstellung, wegen dieser Sache in die Schule gehen zu müssen. Sie rang nach Luft und ließ sich erschöpft in einen Stuhl fallen.

Papa legte ihr die Hand aufs Knie und sagte beruhigend: »Schon gut, ich habe ja nur gemeint.« Damit war die Angelegenheit für die Familie erledigt. Aber ich habe den Schlag auf den Kopf mit dem Spanischrohr bis heute nicht verschmerzt.

 

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